wir über uns
Herzlich Willkommen auf der Homepage der
Forschungsgruppe Weltkrieg2Kindheiten (w2k)!
Wir sind ein Zusammenschluss
von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die es sich zur Aufgabe
gemacht haben, den Erfahrungen nachzugehen, die die Jahrgänge gemacht
haben, die ihre Kindheitsjahre während des Zweiten Weltkrieges und
in den ersten Jahren nach 1945 verbrachten.
Die Forschungsgruppe macht
Erfahrungen und Erinnerungen der Kriegskinder des Zweiten Weltkrieges,
der letzten noch verbleibenden zivilen Kriegsgeneration, zum Thema des
wissenschaftlichen und politisch-kulturellen Diskurses. Die Forschungsgruppe
wurde 2002 begründet und trifft sich seitdem regelmäßig
zu gemeinsamen Tagungen. Sie ist interdisziplinär zusammengesetzt
und international vernetzt. Ihre Mitglieder forschen an unter-schiedlichen
Universitäten und Instituten in den Bereichen von Zeitgeschichte,
Literatur- und Erziehungswissenschaft, Entwicklungspsychologie, Psychoanalyse,
Psychosomatik/Psychotherapie, Psychiatrie und Humanmedizin. Aus der
Zusammenarbeit sind gemeinsam getragene Forschungsvorhaben hervorgegangen.
Aus einem 2005 veranstalteten Internationalen Kongress sind bereits
erste Veröffentlichungen hervorgegangen: sie thematisieren die
Kriegserfahrungen aus psychohistorischer Perspektive; sie beschäftigen
sich mit Erfahrungsräumen, Erinnerungskultur und Geschichtspolitik
unter sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Die Ergebnisse
des Jahrestreffens der Forschungsgruppe 2006, bei dem es um die transgenerationelle
Weitergabe von Erziehungsnormen ging, befinden sich im Druck.
Es geht um die vielfältigen
Bedeutungen, welche die Erfahrung von „Kriegskindheit“ für
die weitere individuelle und generationelle Lebensgeschichte der Betroffenen
angenommen hat. Hier gilt es insbesondere Anregungen aufzugreifen und
fortzuführen, die aus Kreisen der Gerontologie, der Entwicklungspsychologie
des Lebenslaufs und der Psychoanalyse erwachsen sind, und in denen es
um mögliche riskante Langzeitfolgen von Kriegskindheiten geht, die
erst im Prozess des Alterns dieser Generation - und das bedeutet: in der
gegenwärtigen medizinisch-therapeutischen Praxis - sichtbar werden.
Eine weitere Forschungsfrage bezieht sich sodann auf die Geschichte der
Mentalitäten und politischen Kulturen in den vom Weltkrieg betroffenen
nationalen Gesellschaften. Die Fragestellungen schließen thematisch
ein:
- das unmittelbare Erleben der Kriegs- und
Nachkriegsjahre
- verschiedene Etappen des Erinnerns an Kriegserlebnisse
- nachhaltige Folgen der Kriegserfahrung
für Lebens- und Gesellschaftsgeschichte.
Die Forschung zielt auf verbesserte praktische
Problemlösungen insbesondere in folgenden Bereichen:
- Professionelle Betreuung der Kriegskindergeneration
im Alter
- Psychosoziale Hilfen für die
heutigen Kriegskinder weltweit
- Aufbau einer gemeinsam geteilten europäischen
Erinnerungskultur an den Weltkrieg 2 als Teil einer kulturellen Integration.
Die Angehörigen der Jahrgänge
1927/28 bis 1945/47 haben ihre Kindheit, teils auch ihre Jugendzeit
während des Krieges und in der unmittelbaren Nachkriegszeit verbracht.
Sie wurden als Kriegskinder auf verschiedenste Weise mit Fliegeralarm,
Luftschutzbunkeraufenthalten, Bombardierungen, Tieffliegerangriffen,
mit Tod, Hunger, Flucht und Vertreibung konfrontiert.
Da war zunächst die Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen in
den Versorgungs- und Unterstützungskreislauf der Staatsmacht im Rahmen
der so genannten Kinderlandverschickung. Hier wurden Hunderttausende
von Heranwachsenden für zumeist mehrere Monate in Jugendherbergen
und Erholungsheime geschickt und damit von ihren Familien getrennt.
In besonderer Weise traumatisierend wirkte die direkte Konfrontation
mit dem Kriegsgeschehen in Gestalt von Fliegerangriffen, Bombardierungen
und
sonstigen Kampf-handlungen. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zählten
Flucht und Vertreibung zu den Erfahrungen hunderttausender Kinder und
Jugendlicher. Schlecht organisierte und nicht vorbereitete Evakuierungsmaßnahmen,
zusammengebrochene Transportsysteme, mangelnde Verpflegung, Entkräftung,
Krankheit und Tod zählten zu den leidvollen Erfahrungen dieser Heranwachsenden.
Dazu kamen Hunger, Kälte und ständige Fluchtbereitschaft sowie
das Erleben der eigenen Schutzlosigkeit; nicht zuletzt angesichts der
Hilflosigkeit der Eltern – insbesondere der oft allein verantwortlichen
Mütter.
In den Jahren nach dem Krieg hatten diese Jahrgänge in der
Regel gravierende familienstrukturelle und familiendynamische Verwerfungen
zu erleiden. Der Zweite Weltkrieg hatte in Europa über 20 Millionen
Halbwaisen hinterlassen – überwiegend durch Verlust der gefallenen
bzw. vermissten Väter. Abwesende oder im Krieg gefallene
Väter zwangen Mütter zudem zu notbehelfsökonomischen
Strategien, zu denen die Prostitution ebenso wie das Eingehen so
genannter „Vernunftehen“ zählte.
Trotz der oft ungeliebten Familienverhältnisse in der Nachkriegszeit
war den Kriegskindern Klagen nicht erlaubt. „Sei froh, dass du überlebt
hast“ war ein typischer Merksatz jener Zeit. Solche und ähnliche „Überlebensangebote“ bedeuteten
eine heute kaum noch zu ermessende Überforderung für die Heranwachsenden.
Es lässt sich heute feststellen, dass all diese Beeinträchtigungen
auch in Regionen stattfanden, die von direkten Kriegshandlungen nur
wenig betroffen waren. Diese erwachsen gewordenen und in die
Elternposition aufgerückten „Kriegskinder“ sahen sich
seitens der eigenen Kinder nur zu oft mit Fragen konfrontiert, die
als Anklagen empfunden wurden und in ihren Augen jegliche Empathie
missen ließen. Der intergenerationelle Austausch über das
Erlebte, so ist zu vermuten, wurde von „Schuld“ und „Scham“ bei
den Betroffenen überschattet und damit unterdrückt. Es
entwickelte sich jenes Verhalten, das uns bis heute entweder als
pathologische Normalität des Ausschweigens oder als kommunikative
Bagatellisierungs- und Vermeidungsstrategie begegnet: Im Reden über
Nebensächliches
oder über den furchtbar betroffenen Anderen wurde das Schweigen über
das Erlebte eingeübt.
Die in Kindheit und Jugendzeit zu verzeichnenden extremen Belastungen
und Traumatisierungen führten dazu, dass in der Folgezeit bei einem
nicht unerheblichen Teil der Betroffenen Angsterkrankungen, posttraumatische
Belastungsstörungen, Depressionen sowie Identitäts- und Beziehungsstörungen
auftraten. Ein anderer Teil blieb während des frühen und mittleren
Erwachsenenalters weitgehend symptomfrei, erleidet dafür im Alter
jedoch eine „Traumareaktivierung“, wie aktuelle
Beobachtungen und zahlreiche - auch literarische - Selbstzeugnisse
bekunden. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit wird die Grundlage
geschaffen für das Verständnis einer differentiellen Verarbeitung
belastender Kindheitserfahrungen im weiteren Lebensverlauf. Zunächst
wird sich zeigen, dass diese „stumm gebliebenen Jahrgänge“ ihre
Kriegserfahrungen auf eine bestimmte Art und Weise artikulierten.
Dabei werden spezifische Verarbeitungsmuster von Kindheitserfahrungen
sichtbar,
die sich auch über diese Kohorten hinweg zu einer identifizierbaren „Haltung“ mit
Blick auf die historisch-gesellschaftlichen Verankerungen der eigenen
Erfahrungen und ihrer „Übertragung“ auf die nachwachsenden
Generationen verdichtet hat. Dies lässt sich nicht nur im Detail
auf der Ebene der Persönlichkeitsentwicklung - mithin auch im
Bereich psychosozialer Befindlichkeiten - nachweisen, sondern äußert
sich darüber hinaus auch in klinischen und soziokulturellen Zusammenhängen.
Besonders aufschlussreich sind diesbezüglich Auswirkungen von Kriegserfahrungen
auf die Modalitäten der Altersbewältigung - vor allem unter
dem Aspekt der Salutogenese, der Genese von Krankheiten sowie der
Entstehungsgeschichte von sozialen und kulturellen Orientierungsmustern.
Die Forschungen der Gruppe tragen dazu bei, die Summe der Erfahrungen
dieser Jahrgänge in das „kommunikative Gedächtnis“,
sowie in die öffentlichen Diskurse und Erinnerungskulturen der
am Krieg beteiligten und vom Krieg betroffenen Länder zu reintegrieren. Die
historische Erfahrung des Zweiten Weltkrieges spielt eine zentrale
Rolle in der Erinnerungskultur aller daran beteiligten bzw. davon
betroffenen Länder. Mehr als in vorangegangenen Kriegen waren im
Verlauf der zehn Kriegs- und Nachkriegsjahre (1939-1949) große
Teile der zivilen Bevölkerung auf direkte oder indirekte Weise
von diesem welthistorischen Ereignis betroffen. Sei es, dass sie
unfreiwillig in kriegerische
Handlungen verwickelt wurden; bzw. zu Opfern von Kriegs- und Verfolgungsterror
(von der Bombardierung von Städten bis hin zum verordneten Genozid)
gemacht wurden; dass sie evakuiert, ausgesiedelt, deportiert oder
verschleppt wurden. Sei es schließlich, dass sie, bei Kriegs-ende,
Versorgungskrisen auszuhalten und die Restitution von Wirtschaft,
Kommunen und Familien
zu tragen hatten. Im Vergleich zu diesen lang anhaltenden, sich sequentiell
wiederholenden Verwicklungen der Zivilbevölkerung in die Geschehnisse
des Zweiten Weltkrieges erscheinen deren vielfältige Kriegserfahrungen
in der offiziellen Erinnerungskultur bislang weitestgehend unterrepräsentiert.
Weithin stehen die Erfahrungen und Erinnerungen der aktiven Kombattanten
und politisch-militärischen Strategen des Weltkrieges im Vordergrund
des offiziellen „kulturellen Kriegsgedächtnisses“,
das in den Jahrzehnten nach dem historischen Ereignis aufgebaut wurde.
Sechs Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind mittlerweile
die jüngsten Kohorten der Zivilbevölkerung, deren Lebensgeschichte
noch durch die Erfahrung von Kriegs- und unmittelbarer Nachkriegszeit
geprägt sind, in das Ruhestandsalter vorgerückt. Es handelt
sich im Kern um die Jahrgänge der zwischen 1927/28 und 1945/47
Geborenen, die am Beginn ihres Lebens, als Kinder, in dieses welthistorische
Ereignis hineingezogen wurden, und gegenwärtig etwa zwischen 60
Jahre und 80 Jahre alt sind.
Die facettenreichen Fragestellungen decken jeweils eigene, zumeist
disziplinspezifische Problemhorizonte ab; ihre Beantwortung setzt
allerdings eine enge Zusammenarbeit der an den Forschungen beteiligten
Disziplinen
voraus. Einen zentralen Zugang zum Thema eröffnet die
Beschäftigung mit autobiografischen Erinnerungen, die sich auf
Kindheit, Jugend und Familie im Zweiten Weltkrieg beziehen. Ein weiterer
Zugang ergibt sich über das Studium von Entwicklungsverläufen,
subjektiven Rekonstruktionen und Generationalität bei Kriegskindern
der Jahrgänge 1935 – 1945. Damit geht auch die Frage
einher, ob intergenerationale Transmissionsprozesse von Kriegserfahrungen
sowohl in Richtung auf die Eltern- und Großelterngeneration als
auch in Richtung auf die eigenen Kinder und Enkel nachweisbar sind.
Mit Blick auf Resilienz und Psychische Gesundheit dieser Kriegskinderjahrgänge
und der Bewältigung/Kompensation von Kriegserfahrungen werden aus
psychoanalytischer, psychosomatischer und psychiatrischer Sicht die
aktuelle psychische Gesundheit sowie das subjektive Wohlbefinden fokussiert
und
in Beziehung zu den biographischen Erfahrungen und individuellen Deutungsmustern
gesetzt, dabei insbesondere zu Beziehungs- und Traumatisierungserfahrungen
während der Kindheit und Jugend im Zweiten Weltkrieg. Aus soziologischer
und mentalitätsgeschichtlicher Sicht werden dabei kohorten-spezifische
Orientierungs-, Einstellungs- und Handlungs-muster, mit denen biographische
Kriegserfahrungen in der Nachkriegszeit kompensiert wurden, untersucht.
Es wird insbesondere danach gefragt, auf welche Weise Paar- und Familienbeziehungen
sowie Generationenbeziehungen zur Verarbeitung von Kriegserfahrungen
beigetragen haben.
Schon früh ergaben sich in der psychoanalytischen Behandlungspraxis
deutliche Hinweise auf die gravierenden Auswirkungen damaliger dauerhafter
bzw. langanhaltender Vaterlosigkeit auf die weitere lebenslange Entwicklung
insbesondere bezüglich Identitätsbildung und Beziehungsfähigkeit.
Dieser Sachverhalt wurde durch weitere Befunde sowohl aus einer repräsentativen
Längsschnittsuntersuchung als auch einer repräsentativen psychoanalytischen
Katamnesestudie bestätigt - ebenso durch weitere inzwischen vorliegende
repr äsentative Querschnittsuntersuchungen.
Alle Fragestellungen berücksichtigen geschlechtsspezifische Unterschiede
und sind in internationale Forschungs-kooperationen eingebunden. Zudem
ist ein Einbezug von internationalen Forschungen über Kriegserfahrungen
vorgesehen, der sich u.a. auch durch Übernahme dort erprobter Erhebungsinstrumente
ergibt, die sich in litera-rischen und psychoanalytischen Vereinigungen,
in Historikerverbänden, internationalen Fachverbänden der medizinischen,
soziologischen und psychologischen Disziplinen etabliert haben.
Der gemeinnützige Verein Kriegskinder für den Frieden e.V. setzt
sich für die wissenschaftliche Aufarbeitung der facettenreichen Kriegskinderproblematik
ein. Er fördert Forschungsprojekte, die dem wissenschaftlichen interdisziplinären
und internationalen Austausch dienen.
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