Gassenkind Helga - eine Kindheit im
zweiten Weltkrieg
Verdunkelung
Helga Bengel wurde am 28. April 1940 geboren. Vom Licht der Welt bekam
sie nichts zu sehen, denn in der Küche, wo die Entbindung
stattfand, war es dunkel. Die Hebamme arbeitete im Schein des Feuers an
der geöffneten Ofentüre, denn seit dem 1. September
1939 herrschte Verdunklungspflicht. Die deutschen Truppen hatten Polen
angegriffen, der zweite Weltkrieg war ausgebrochen.
Die erneute Schwangerschaft war für Helgas Mutter Cilly eine
Katastrophe. Sie hatte bereits drei Kinder, war bei der letzten Geburt
fast gestorben und ihr Mann war im Krieg. Die vierte Entbindung verlief
Gott sei Dank problemlos. Bis der Vater das neue Kind in seine Arme
schließen konnte, war Helga allerdings bereits elf Monate
alt. Franz Xaver Bengel kam im März 1941 auf Heimaturlaub und
Helgchen, wie er die Kleine zärtlich nannte, war trotz der
widrigen Umstände sein Augapfel. Nach drei Wochen war die Zeit
mit der Familie vorüber, der Vater musste sich von Frau und
Kindern trennen, er hatte einen Marschbefehl zur Ostfront erhalten. Die
Abschiedsszene am Mainzer Hauptbahnhof war herzzerreißend.
Als der Zug anfuhr, blieb Cilly mit vier weinenden Kindern am Bahnsteig
zurück. Sie war 38 Jahre alt und ahnte nicht, dass dies ein
Abschied für immer war.