Kriegskinder 

Im Bombenhagel


Am 22. Juni 1941 begann der Angriff des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion. In Mainz wurden Lebensmittelkarten eingeführt und jeden Tag gab es Todesanzeigen gefallener Frontsoldaten in den Tageszeitungen. Die Stadt und ihre Vororte wurden von Luftangriffen erschüttert. Cilly und die Kinder lebten in Angst und Schrecken. In einem kleinen, braunen Lederkoffer bewahrte sie alle wichtigen Dokumente und das Nötigste zum Anziehen für die Kinder und sich selbst auf. Bei Fliegeralarm, der rund um die Uhr ertönen konnte, rannte sie mit den Kindern in einen Luftschutzkeller in der Nähe. Der Koffer musste immer mit. Helgchens siebenjähriger Bruder Franz fürchtete sich vor dem heulenden Geräusch des Alarms und verkroch sich jedes Mal tief unter das Bett, das die Mutter mit ihm teilte.

Cilly hatte ihre liebe Not, den Jungen schnell hervorzuzerren. Manchmal half es nur, wenn sie den Schrubberstiel zu Hilfe nahm. Die zwölfjährige Maria hatte derweil die Verantwortung für den Koffer zu tragen, die vierzehnjährige Elfriede schleppte Klein-Helga, in eine Decke gewickelt. Wie verängstigt diese Kinder waren, kann sich heute wahrscheinlich niemand mehr vorstellen. Sie rannten über den Hof, über ihren Köpfen das Motorengedröhn der herannahenden Bomber.



Vor dem Eingang zum Luftschutzkeller drängten sich viele Menschen, alle wollten die enge, glitschige Steintreppe hinunter in die Sicherheit des Gewölbekellers. Unten standen Bänke an feuchten Wänden, ein paar Kerzen spendeten diffuses Licht. Die Menschen saßen dicht gedrängt, schwitzten vor Angst, manche weinten, viele beteten laut. Die Kinder drängten sich angstvoll aneinander. Alle lauschten den fallenden Bomben über ihren Köpfen. Wurden Gebäude in der Nähe getroffen, schrien sie auf und keiner wusste, ob er diesen Keller lebend wieder verlassen würde.
Nach einem schlimmen Bombenhagel im Sommer 1941 fanden sie dort, wo ihr Wohnhaus gestanden hatte, nur noch einen rauchenden Trümmerhaufen vor. Die Wohnung mit allem, was Cilly und die Kinder besessen hatten, war vernichtet. Helgchen war noch ein Baby. Obdachlos. Fortan lebte sie mit ihrer Mutter und den Geschwistern in einer Notunterkunft. In der Waschküche eines Nachbarhauses schleppten sie alles zusammen, was sie ergattern konnten, um irgendwie zu überleben.