Gassenkind Helga - eine Kindheit im
zweiten Weltkrieg
Kranenwasser
Der Durst wurde mit Kranenwasser gestillt. Die Kinder machten sich
morgens früh nüchtern auf den Weg zur Schule, dort
aßen sie um halb zehn das mitgebrachte Pausenbrot, bestrichen
mit ausgelassenem Schweineschmalz und an besonderen Tagen etwas
Leberwurst vom Metzger. Getränke waren in der Schule
unüblich. Mittags machten die Kinder sich zuhause in der
Waschküche ein Zuckerbrot. Cilly schuftete als Putzfrau im
Mainzer Finanzamt für 35 DM in der Woche und kam erst gegen
fünf Uhr nach Hause.
Dann aber trafen sich alle in der Waschküche und es gab
für jeden ein Schwarzbrot mit Butter und Cillys selbst
gekochter Marmelade. Die Mutter trank eine Tasse Muckefuck, das war ein
Kaffee-Ersatz aus Getreide, die Kinder bedienten sich direkt aus dem
Wasserhahn. Das Einzige, worauf Cilly bestand war gute Butter. Sie
hasste Margarine. Ganz selten, zu besonderen Anlässen wie
Weihnachten oder Ostern, wurde eines der großen
Mädchen in die nächste Wirtschaft geschickt, um
für zwanzig Pfennig eine Flasche Tabeso-Limonade zu holen.
Jedes der Kinder erhielt einen Schluck, mehr gab der Inhalt der Flasche
nicht her.