Kriegskinder 

Gassenkind Helga - eine Kindheit im zweiten Weltkrieg

Nach dem Krieg

Eines Tages im Sommer 1946 war es dann für die sechsjährige Helga soweit: Am ersten Schultag trottete sie lustlos dorthin, wo ihr Bruder Franz gerade entlassen worden war. Cilly musste arbeiten und konnte das Kind nicht begleiten. Sie hatte einen abgetragenen Ranzen aus braunem Leder und eine Schiefertafel organisiert. An Schnüren hingen zwei Lappen, einer davon musste immer feucht sein. Der trockene Lappen war zum Nachreiben gedacht. Der Griffel kratzte fürchterlich auf der Tafel und musste von Zeit zu Zeit von der Mutter mit einem Messer nachgespitzt werden. Weil Helga blutarm war, schlief sie in der Schulbank oft ein, weshalb die strenge Klassenlehrerin sie immer wieder ausschimpfte oder mit dem Lineal auf ihre Finger schlug. Als es Winter wurde, mussten die frierenden Kinder jeden Tag einen Brikett zum Heizen mitbringen.

Helgchen war als Halbwaise davon befreit. Dieser Status bescherte ihr auch den Luxus der sogenannten Schulspeisung. Mit einem Ausweis gab es in der großen Pause eine Essensration in den mitgebrachten Henkelmann. Helga, eine mäkelige Esserin, aß nur, wenn es Linsensuppe gab. Manchmal gab es samstags ein schmales Täfelchen Schokolade.

Die Lehrerin teilte es vor der großen Pause aus und alle Kinder aßen die Schokolade sofort auf. Nur Helga legte ihr Täfelchen vor den Griffelkasten und bestaunte es selig, während der Unterricht ungehört an ihr vorüberplätscherte.

Helga trug abgelegte Kleider von irgendjemandem. Ihre langen Wollstrümpfe waren an einem ausgeleierten Strumpfgürtel befestigt. Im Winter hatte sie stets eiskalte Oberschenkel, weil sie zwischen Unterhose und Strümpfen unbedeckt blieben. Erst im Alter von 10 Jahren bekam sie ihre erste warme Strumpfhose und eine dunkelblaue Trainingshose. Pullover, Mütze, Schal und Handschuhe strickte Cilly für ihre Kinder aus geschenkten Wollresten.
Zur Schulentlassung, im Alter von 14 Jahren, bekam sie zum ersten Mal im Leben ein neues Kleid.

Schuhe waren ein lästiges Übel. Im Sommer lief die kleine Helga am liebsten barfuss. Das war im Winter wegen der Kälte nicht möglich, also musste sie auch hier gebrauchte, abgelegte Schuhe tragen, die Cilly von irgendwoher organisiert hatte. Einmal schmiss sie die ungeliebten, viel zu großen Treter aus dem Fenster hinunter in den Hof, um sie loszuwerden. Doch das nützte nichts, am nächsten Morgen standen sie wieder vor Helgas Bett.